Alltag in der Galerie…

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Heute ein kleiner Beitrag über das Leben in der Galerie, was ungefähr vergleichbar ist mit dem Alltag einer Verkäuferin bei Jil Sander. Ordentlich gekleidet, interessiert wartend. Besucher alle paar Stunden. Sitzen. Sitzen. Sitzen. Stehen. Bilder putzen. Herumgehen. Sitzen. Umzingelt von den eigenen Bildern. Rechts neben mir im Obergeschoss des Levantehauses ein Sushi-Laden. Links ein Vietnamese. Die Menschen haben  mittags mehr Hunger auf Frühlingsrollen oder rohen Fisch. Kann ich verstehen. Glücklicherweise habe ich W-Lan und kann nebenher ein paar Jobs erledigen. Internet, PR, so Sachen halt. Bisschen Skizzen machen zum nächsten Projekt. D-Radio Kultur hören. Sven Regener über sein neues Buch „Magical Mystery“. Das Buch erzählt von Karl, das war der, der bei Herr Lehmann am Ende in der Psychiatrie landet (Christoph Waltz glänzt in der Rolle des Arztes lange vor Hollywood). Karl, der seit ein paar Jahren in einer Altonaer Drogen-Reha-WG lebt und dann auf alte Rave-Freunde trifft, die ihn als Fahrer für ihre Tour engagieren, weil sie wissen: Einer muss nüchtern bleiben. Buch als Hörbuch runter geladen, die ersten fünf Kapitel gehört. Gut. Sehr gut sogar, weil Regener einfach so viel Spaß am Erzählen hat, und die 90er einem im Nachhinein viel spannender erscheinen als sie waren. Das also mein Buch-Tipp für heute.

Oh, Besucher! Erst Touris aus dem Saarland „Wir haben einen Freund, der malt auch so Sachen“, dann ein netter Herr, der offensichtlich ausgesorgt hat und mir nach kurzem Gespräch erklärt, dass Journalisten das Schlimmste sind. „So eitel, abgehoben, verlogen“. Nun. Weiß gar nicht, wie wir darauf kamen. Aber irgendwie, nun ja, ist vielleicht was dran. Ich will gerade meinen Kram einpacken, bin schon ganz im Dusel von der vielen Sitzerei, da schlendert ein Mensch herein, der sich Zeit nimmt, die Bilder anzusehen. Geht mal nah ran, mal ein paar Schritte zurück, legt den Kopf schräg. Wir kommen ins Gespräch, er so: „Ist das gemalt?“, ich so: „Ja, aber mit Schablonen. Und dann verwickeln wir uns in ein Gespräch über den Sinn von Kunst, über Vorbilder, Inspirationen, Bach, der einen so klar im Kopf macht, so, wie ich das mag, mit fremden Menschen ins Gespräch zu kommen. Ich erzähle von Marlow Moss, große Künstlerin (!), empfehle noch mal schnell Rodtschenko im Bucerius Forum und das geniale Buch von William Gompertz über moderne Kunst. Er von seinen Versuchen, Porträts zu malen (August Macke). Und dann passiert, was mir so oft passiert: Ich werfe Biografien durcheinander. Schicke den Russen Rodtschenko nach Paris, wo doch eigentlich Wols war (der gerade mit einer wunderbaren Retrospektive in Bremen gewürdigt wird) und mit Braque und Picasso  rumhing. Armer Rodtschenko, Du hättest Moskau wirklich mal verlassen müssen. Armer Wols, der Du ein bisschen länger hättest leben sollen. Jedenfalls, verehrter Besucher-Mensch: Alexander Rodtschenko war nicht in Paris und ist auch nicht mit 38 gestorben. Das war Wols. Aber beide hätten sich sicherlich eine Menge zu erzählen gehabt.

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