Ein Lied aus reinem Nichts

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Ich denke so im Nachklang noch mal an den Lyrik-Liebhaber Marcel Reich-Ranicki, wo auch immer er jetzt ist.
„Ein Lied aus reinem Nichts“ aus uralten Zeiten müsste ihm gefallen, gesungen von dem ersten Troubadour der Geschichte (weiß man’s?), vielleicht gehört von dem letzten großen Troubadour der Literatur.

Ein Lied aus reinem Nichts
Wilhelm IX. von Aquitanien (1071 – 1127)

(Dichten im Schlaf, Dichten zu Pferd)

Ich mach ein Lied aus reinem Nichts,
Von mir nicht und von keinem spricht’s,
Nicht Liebeslied, nicht jugendlich
Noch irgendwas.
Ich hab’s im Schlaf gemacht, als ich
Im Sattel saß.

Weiß nicht, wann ich geboren bin,
Von trübem oder frohem Sinn?
Nicht fremd bin ich und nicht von hier,
Noch unerwacht
Hat eine Fee zur Nachtzeit mir
Mein Los gemacht.

Ob ich jetzt schlafe, weiß ich nicht.
Ein andrer geb mir Unterricht!
Beinah schon nimmt mein Herz Reißaus
Vor lauter Qual;
Das schert mich keine Kirchenmaus
Bei Sankt Martial!

Ich zittre heiß vor Todesplagen
Und weiß das nur vom Hörensagen;
Den Arzt zu suchen, will ich eilen
Und weiß nicht wo,
Der Arzt ist gut, kann er mich heilen,
Sonst schadenfroh!

Hab eine Liebste, kenn sie nicht,
Noch nie kam sie mir zu Gesicht;
Nicht Lust noch Leid bot sie mir groß,
Mir macht’s nichts aus,
Nie kam Normanne noch Franzos
Mir in mein Haus.

Ich kenn sie nicht und lieb sie sehr,
Nicht Recht noch Schlecht tat sie mir mehr,
Seh ich sie nicht: nicht dass ich stöhn,
Da kräht kein Hahn,
Denn eine andre, doppelt schön,
Hat es mir angetan.

Ein Lied gemacht, weiß nicht auf wen,
Am besten schick ich’s jetzt an den,
Der’s weiterschickt, so weit von hier
Nach dem Anjou:
Doch schick mir der dann flink dafür
Den Gegen-Schlüssel zu.

 

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