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Gestern Ausstellungseröffnung in der Hamburger Kunsthalle „Alfred Flechtheim.com“, ein groß angekündigtes Projekt 15 deutscher Museen über die bemerkenswerte Sammlung des Galeristen und Kunsthändlers Alfred Flechtheim (1878 – 1937).

Wer ihn nicht auf dem Zettel hat: Flechtheim war bis 1933 erfolgreicher Sammler und Kunsthändler mit Galerien in Berlin, Düsseldorf und weiteren großen Städten. Häufig in Paris, brachte er einen ordentlichen Schwung Avantgarde nach Deutschland. Auch die Hamburger Kunsthalle kaufte von ihm in den 20ern. Man ahnt, wie es weiter ging: Ein Jude, der mit „entarteter Kunst“ handelte, konnte sich 1933 schon mal auf die Reise machen. Flechtheim ging nach London, Teile seiner Sammlung konnte er retten, verkaufen, transferieren, der Rest wurde von den Nazis beschlagnahmt, eingemottet oder verscherbelt. Flechtheim starb nach einem Unfall 1937. Seine Frau, Bertha Betty Flechtheim, in Berlin geblieben, nahm sich 1941 nach dem Deportationsbefehl das Leben. Wie schade, dass man über sie so wenig in Erfahrung bringen kann.

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Und dann steht man hier in Hamburg in dem kleinen Saal mit 42 Exponaten: ein Klee (Abb.“Felsige Küste“, 1931), drei Matisses, Barlach, Liebermann, Derain… Zeichnungen, Gemälde, Druckgrafiken, ein paar Skulpturen. Passt alles in einen Raum. Dazu Dokumente, Nachweise, Briefwechsel im Flur davor. Man könnte mit einem Achselzucken daran vorbei gehen, so unspektakulär wirkt das Ganze.

Die F.A.Z, die Süddeutsche, ART brachten kurze Kommentare dazu, vor allem deshalb, weil die Erben Flechtheims dem Projekt „Alfred Flechtheim.com“ die Unterstützung verweigerten. Die Ursache mag, wie so oft, in dem überaus schwierigen Verhältnis von Erben zu Museen und umgekehrt liegen. Weil da eben doch ein paar Ungereimtheiten bleiben. Ohne hier ins Detail zu gehen – während der Nazi-Herrschaft sind so viele Werke beschlagnahmt und verhökert worden und dann irgendwo in Deutschen Museen wieder aufgetaucht. Dass die Erben misstrauisch sind – kein Wunder.

„Alfred Flechtheim.com“ will online den Weg jedes einzelnen Werks rekonstruieren, also Herkunft, Weg und Verbleib klären, unter Umständen auch Unrechtmäßigkeiten aufdecken. Provenienzforschung nennt man das.

Warum sich die Erben und die Macher des Projekts eher im Weg stehen als einander unter die Arme zu greifen? Nun, es geht um Zuständigkeiten. Und die sehen die Flechtheim-Erben bei sich. Wenn die Nutznießer einiger verhökerter Kunstwerke Flechtheims, also die Museen, selbst die Initiative ergreifen, bleiben sie handlungsfähiger. Mehrmals seien die Flechtheim-Erben eingeladen worden mitzumachen bei diesem Riesenprojekt, heißt es. Aber vielleicht wollten die wirklich mehr als mitmachen – nämlich einfach den Hut aufhaben bei der ganzen Sache.

Sei’s drum. Die Ausstellung (bis 19. Januar 2014) lohnt sich besonders in Verbindung mit der Online-Ausstellung http://www.alfredflechtheim.com/home/. Denn einmal mehr wird sichtbar, was kultur- und menschenverachtende Diktaturen anrichten, und wie vor gar nicht allzu langer Zeit eine blühende Kunstszene vertrieben und vernichtet wurde.

Nebenan in der Galerie der Gegenwart läuft gerade die kraftvolle, leichte und doch erdige Groß-Ausstellung „Dänemarks Aufbruch in die Moderne“ – es werde Licht.

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