Thomas Bernhard hören

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Es muss nicht immer ein Todes- oder Geburtstag sein, ein neues Buch, sonst ein aktueller Anlass. Manchmal entdeckt man so zwischendurch einen wieder, der vielleicht gerade jetzt ein giftiges Lampedusa-Dramolett geschrieben hätte, also jemanden wie den österreichischen Schriftsteller und Dramatiker Thomas Bernhard (1931-1989). Ich empfehle für Fans und Einsteiger gleichermaßen das Hörbuch-Porträt von Joachim Hoell. (http://www.joachimhoell.de/hoerbuch.htm).

Es begleitet mich schon die ganze Woche. Abends beim Einschlafen, morgens zum Aufwachen. Gern x-mal die selben Stellen. Weil es grandios vorgelesen ist, und es mich sprachlos macht, wie es Bernhard geschafft hat, sein persönliches Lebensdrama inklusive der dazugehörigen Gegenwart und Vergangenheit von Anfang bis Ende in brillante, bissige, bösartige Sätze, Szenen, Akte, Theaterstücke, Romane zu übersetzen. Und damit über Jahre seine Heimat in Atem hielt. (Das geht heute ja höchstens noch in China).

Thomas Bernhard. Unehelich geboren in Holland, allein gelassen von seiner Mutter, den Vater kennt er nicht. Als Kind fast gestorben, als Erwachsener zu früh, also mit 59, abgetreten. Dazwischen felsig lebend in seinem großen Vierkanthof in Ohlsdorf/Obernathal in Oberösterreich.

Bildschirmfoto 2013-10-20 um 23.50.25Nie eine eigene Familie gegründet. Seine langjährige Begleiterin (er: „Mein Lebensmensch“) Hedwig Stavianicek 35 Jahre älter. Gescheitert als Sänger, der er eigentlich werden sollte, ausgebildet als Schauspieler, weshalb er ein guter Dramatiker werden konnte. „Er war sich selbst genug“, könnte man sagen. „Er konnte nicht anders“ geht aber auch. Er schrieb seinen ersten Roman „Frost“ in sieben Wochen und bekam einen Literaturpreis aus Bremen 1965. Gutes Bremen. Es folgten etliche Theater-Skandale und eine große Karriere („Der Theatermacher“, „Alte Meister“, „Ritter, Däne, Voss“, „Heldenplatz“…).

Ich habe weder alles von Thomas Bernhard gelesen, noch sämtliche Stücke gesehen (abgesehen von den Fernsehaufzeichnungen aus dem Wiener Burgtheater mit Bernhard Minetti und Marianne Hoppe), manchmal waren es nur Textpassagen, die mich erschütterten oder festhielten in seiner pessimistischen Weltsicht. Vielleicht  deshalb, weil es derzeit im Fernsehen und auf den Theaterbühnen nur so rumst vor kreischendem Entertainment.

Und da ich nicht unzählige Inhaltsangaben hinschludern will: Hier gibt es ein paar gute Zusammenfassungen seiner Bücher und Stücke (ohne dass man gleich ein Abo abschließen muss): Frost — Buchzusammenfassung | getAbstract | Thomas Bernhard

Wer also etwas wissen will über unsere Gegenwart, über Herkunft, warum sich manches nie ändert und warum mancher so wird, wie er ist und schreibt und nicht alles so einfach ist im Leben: Bernhard lesen, hören, gucken.

PS: Das Hörbuch ist eine leicht gekürzte Version der Biografie von Joachim Hoell und sei Menschen aller Art ans Herz gelegt. Jenen, die Österreich irgendwie nicht mögen oder besonders sehr. Auch solchen, die Thomas Bernhard gar nicht kennen. Vorgelesen von Herrmann Beil, dem langjährigen Chefdramaturgen von Klaus Peymann. Dass er Bernhard gekannt hat, hört man in jeder Zeile.

 

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