Premiere „I Due Foscari“

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Premiere von Giuseppe Verdis „I due Foscari“ in der Hamburger Staatsoper. Was soll man sagen? Ich schreibe hier ja nicht für Verdi-Experten, ja, vielleicht nicht mal für Opernfans. Die Hamburger Staatsoper bringt zum 200. Geburtstag des italienischen Komponisten drei Frühwerke innerhalb weniger Wochen ins stürmische Hamburg. „La Battaglia di Legnano“, „I Lombardi a la prima Crociata“ und eben „I due Foscari“.

Keine Frage, Giuseppe Verdi (1813-1901) gehört zu den Besten, nicht nur weil er großartige Opern komponiert hat, sondern weil er auf die Bühne brachte, was Menschen und Gesellschaften bewegt, umtreibt und mitunter zerstört. Mitreißende Musik, Storys und innere Dramen, an denen sich so manche Psychotherapeutin mit ihren Klienten ein paar Jahre abarbeiten könnte. Italien, im 19. Jahrhundert mindestens so zerrissen wie heute, lieferte die beste Bühne dafür. Heute erledigen dieses Storytelling weltweit TV-Serien wie „Breaking Bad“ oder „Homeland“. Aber so richtig live, ohne Schnitt, Konserve, Werbung zwischendurch, kann Oper großes Kino sein. Könnte.

Der Inhalt von „I Due Foscari“ kurz gefasst: Eine tragische Vater/Sohn-Geschichte im Venedig des 14. Jahrhunderts. Francesco Foscari, Doge von Venedig, muss mitverantworten, dass sein Sohn Jacopo aufgrund einer Intrige (er soll einen Mord begangen haben) erneut von einem Geschworenen-Gericht verurteilt und in die Verbannung geschickt wird. Dessen Unschuld wird nach dem Prozess erwiesen, aber da ist er schon auf der Fahrt in die ewige Verbannung und stirbt. Zurück bleiben Frau und Kinder und der Doge, der aus fadenscheinigen Gründen auch noch seines Amtes enthoben wird. Sohn weg, Macht weg. Leben weg. Ins Heute übersetzt (beispielsweise): Olaf Scholz hätte einen Sohn, der zu Unrecht im Knast sitzt, muss sich aber einem Indizienprozess beugen und ihn nach Guantanamo schicken und verliert obendrein sein Amt an ?… Man hätte aus dieser Story etwas machen können.

Es geht um Interessenskonflikte, Verlust und Ausweglosigkeit. Kennen wir doch: Immer wenn man denkt, schlimmer kann es doch eigentlich nicht kommen, kommt es: schlimmer. Verdi, der in den frühen Jahren seine erste Frau und seine zwei Kinder verlor, konnte buchstäblich ein Lied davon singen. Und das macht das alte Genre Oper für mich so zeitlos. Es geht um die herzzerreißenden Dinge dieser Welt, Situationen, bei denen man sich die Seele aus dem Leib schreien möchte – und anfängt zu singen, weil es anders nicht zu ertragen ist.

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Leider fehlt genau das in der Aufführung der Hamburger Staatsoper. Alle Beteiligten pressen mit ordentlich Druck die Musik ins Publikum. Jede Arie ein Brüller, Applaus, Applaus. Aber Interaktion zwischen den Darstellern? Momente echter Gefühle? Spürbare Verzweiflung? Irgendeine Idee, warum das heute wichtig ist? Fehlanzeige. Das Team  schafft es nicht, diesen Opernstoff fühlbar zu machen. Erstaunlicherweise scheint das dem Hamburger Premieren-Publikum egal zu sein. Lang anhaltender Applaus.

Ganz bestimmt sind die ersten Opern Verdis nicht mit seinen späteren zu vergleichen. Er stand unter Erfolgsdruck, und das hieß „Songs, Songs, Songs!“. Davon gibt es in „I Due Foscari“ zur Genüge. Aber es ist eben so, wie wenn man zehn von was auch immer gebeutelten Nachbarinnen, Freunden, Kolleginnen zuhört: Am Ende geht einem das Gejammer auf den Keks. Ich mag hier nicht über Orchesterleistung, Sangeskunst, Bühnenbild urteilen. Ob modern oder klassisch inszeniert (was auch immer das heißt), es ist mir egal, so lange mich das Stück berührt. Hat es nicht. Schade. Der Dramaturg Volker Wacker gab vor der Premiere eine erstklassige Einführung. Da war von politischer Last, väterlichen Schuldgefühlen und weiblichem Aufbegehren in einer Machowelt die Rede. Ergreifender als die Aufführung, wenn er dazu gesungen hätte. Dennoch: Eine jüngere Frau, offenbar zum ersten Mal in der Oper, bemerkte in der Pause: „Ich wusste gar nicht, das Musik so eine heilende Wirkung haben kann!“ See you at the opera.

Nachbemerkung: Ich liebe die Oper! Ich wünsche mir ganz viele junge Leute in den Aufführungen, die sich hinterher einen Wolf diskutieren, warum was wie war, und was das mit Ihnen zu tun hat. Liebe Staatsoper, denk Dir doch mal was aus, damit ein bisschen Schwung in die Bude kommt. Das Publikum würde es Dir, sagen wir mal, in zehn, zwanzig Jahren, danken!

(Fotos: Bernd Uhlig)

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