Anita Rée – eine späte Würdigung

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Es ist fast beschämend, dass diese Retrospektive erst jetzt, 84 Jahre nach dem Tod Anita Rées, in ihrer Heimatstadt zustande kommt. Aber immerhin: Sie kommt, und das mit großer Wucht. 200 Werke umfasst die erste (!) Museumsausstellung der bedeutenden Hamburger Künstlerin (1885-1933) in der Hamburger Kunsthalle. Von den Anfängen erster Porträtzeichnungen und Aktskizzen, den kraftvollen Selbstporträts und den von italienischen Meistern beeinflussten Positano-Gemälden bis zu den Auftragsarbeiten ihrer Hamburger Sammler und den letzten Werken auf Sylt – erstmals kann das ebenso reichhaltige wie bedeutende Werk Anita Rées umfassend besichtigt werden. Die Tochter eines jüdischen Kaufmanns und einer vermutlich katholischen Mutter, protestantisch getauft, mag jenen bekannt sein, die sich für verfemte und verfolgte Künstlerinnen und Künstler des NS-Regimes interessieren – als Opfer. Aber genau so möchte sie Kuratorin Karin Schick nicht präsentieren: „Es geht darum, einer großen Künstlerin ihren Aktionsraum wiederzugeben“, betont Schick. An dieser Stelle muss die herausragende Leistung der Kunsthistorikerin Maike Bruhns erwähnt werden: 1986 veröffentlichte sie ihre Doktorarbeit über Anita Rée, deren Schaffen sie quasi durch Zufall entdeckte, eine erste Ausstellung mit 80 Bildern im Ernst-Barlach-Haus folgte, auch ein Film. Ohne Bruhns wäre die Retrospektive so nicht denkbar.

Die Opferrolle reduziert die Künstlerin

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„Weiße Nussbäume“ 1922-25

Anita Rée einzuordnen, zur Diskussion stellen, sich mit dem Werk dieser hoch gebildeten und in ihrer Zeit von vielen Hamburger Persönlichkeiten geschätzten Künstlerin auseinanderzusetzen, bedeutet weit mehr, als sie in der Opferrolle zu bedauern. Rée, so berichtet Schick, war aktiv, eine gute Netzwerkerin, ihre Eltern angesehene Bürger der Hansestadt. Von der heimischen Villa am Alsterkamp 13 ist es nicht weit zu den Warburgs in der Heilwigstraße, mit denen die Eltern bekannt waren. Sie ist Schülerin des Hamburger Impressionisten Arthur Siebelist in Hittfeld, malt gemeinsam mit den Künstlerkollegen Franz Nölken und Friedrich Adlers-Hestermann. Durch den Kulturwissenschaftler Aby Warburg kommt die junge Künstlerin auch in Kontakt zu Max Liebermann, der der gut 20jährigen Talent bescheinigt, obwohl er sie nicht als Schülerin aufnimmt.  Regelmäßig ist sie zu Gast bei der Familie Gustav Paulis, dem damaligen Kunsthallen-Direktor, der erste Werke von ihr erwirbt, reist nach Paris, später kommen Aufenthalte in Italien hinzu. Rée gewinnt Förderer und Mäzene und in Gustav Pauli einen langjährigen Fürsprecher. Als aktives Mitglied der neugegründeten Hamburger Sezession ist sie an 1919 auch mit Kolleginnen und Kollegen bestens vernetzt und stellt regelmäßig aus, bis es vorübergehend zum Bruch kommt, als eines ihrer wichtigsten Werke, die „Weißen Nussbäume“, abgelehnt wird.

Von impressionistischen Anfängen bis zu neuer Sachlichkeit

Ihre Maltechnik, ihr Stil orientiert sich anfangs an Paul Cézanne, zur Avantgardisten wird Rée nie werden, befindet Karin Schick. Abstraktion erscheint Rée gar „langweilig“. Es ist eine eigene Sprache, die die Künstlerin mit der Zeit findet, ein Tasten und Suchen und nichts ist mit leichter Hand auf die Schnelle hingeworfen. Inspiration findet sie besonders in ihren Italienaufenthalten bei den alten Meistern der Früh-Renaissance. Klare Farben und Striche – die „Distelnonne“ von 1926 und „Berta im Herz-Jesu-Rahmen“ von 1927 zeigen, auf welch hohem Niveau Anita Rée arbeitet. Herausragend: Das beinahe schwarzweiß wirkende Porträt der Fotografin Hildegard Heise von 1927.

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„Distelnonne“ 1926

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„Berta im Herz-Jesu-Rahmen“ 1927

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Bildnis Hildegard Heise, um 1927 Öl auf Leinwand, 40,6 x 35,6 cm © Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Elke Walford

Die Verfemung Anita Rées durch die Nationalsozialisten und der Suizid der Künstlerin ist bitterer Teil dieser Künstlerbiografie. Im März 1933 wurde die Ausstellung der Hamburger Sezession verboten. Kuratorin Karin Schick berichtet, dass Anita Rée nicht verarmt war und auch nicht allein gelassen in ihrem selbstgewählten Sylter Exil, da sich immer wieder Freunde einfanden. Auch hätte sie 1933 durchaus noch emigrieren können. Aber wohin? Sie fühlte sich unendlich einsam, hatte bereits im Mai 1932 ihr Testament verfasst. Ohne Partner oder Partnerin, keine eigene Familie, beide Eltern verstorben, die Schwester entfremdet, ihre Kunst entwertet. Die Machtergreifung Hitlers und der politische Umschwung mögen den letzten Rest gegeben haben.

Die acht Themen-Räumen im Untergeschoss der Galerie der Gegenwart dokumentieren, welch umfangreiches und vielseitiges Werk Anita Rée auf der Nahtstelle zwischen Tradition und Moderne geschaffen hat – Ob fantasievolle Postkarten, bemalte Schränke oder Marionettenköpfe, kubistische Landschaften oder immer wieder die eindrücklichen Porträts: Es ist auch, und das in vielerlei Hinsicht, die Identitätssuche eine Künstlerin in den 1920-30er Jahren. Wer bin ich in dieser neuen Zeit? Wo stehe ich? Wo gehöre ich hin? Und genau das, so Kuratorin Karin Schick, mache Anita Rées Oeuvre so aktuell. Angesichts der jüngsten gesellschaftlichen Entwicklungen muss man dem nichts hinzufügen. Hamburger Kunsthalle: Anita Rée Retrospektive, 6.10 2017-4.2.2018

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Bildnis Hilde Zoepffel, um 1928 Öl auf Leinwand, 50 x 41,5 cm Privatbesitz Foto: Christoph Irrgang

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Verirrtes Schaf in verschneiten Dünen, 1932/33 Aquarell, 25 x 29,5 cm Privatbesitz Foto: Christoph Irrgang

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Teresina, 1922–1925 Öl auf Leinwand, 80,5 x 60 cm © Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Elke Walford

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Marionetten für Die schöne Galathée (Pygmalion und Galathée), 1930 Privatbesitz. Foto: Eckhard Kinderman

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