Coco und das Kissen…

Formerly First Row

Wenn Coco Chanel das wüsste, es wäre ihr vermutlich völlig egal. Aber mir bedeutet dieses Kissen etwas. Während Jahr für Jahr neue Chanel-Kollektionen auf den Markt kamen und noch kommen, reiche Millionärsgattinnen und Selfmade-Frauen ihre Bedeutung mit der Marke aller Marken aufwerten, Karl Lagerfeld auf gefühlt tausend Talkshows sein Ego poliert, verwitterte dieses 1A-Chanel-Modenschau-Sitzkissen auf unserem Balkon.
März 2006 vor ziemlich genau acht Jahren, ich besuche als Chefredakteurin eines bunten Frauenmagazins die Herbst/Winter-Schau von Chanel. Paris, Grand Palais, Tumult vor den Toren, alle in Schwarzweiß, alles sehr Chanel. Drinnen Sicherheitscheck, Gedrängel beim Einlass, ich schön komfortabel mit guter Einladungskarte rein, was man als Chefredakteurin halt so darf. Küsschen hier und da mit der deutschen Pressefrau und anderen Kolleginnen, „Ach-siehst-du-gut-aus“-Geplänkel und „Wie-sieht-denn-die-aus?“-Denke in Wahrheit. Der Saal, ach was, die Halle: unermesslich groß. Weltausstellungsmäßig. Und mir ist ganz klein und komisch, weil ich nie in eines der Kleider passen, geschweige denn jemals so viel ausgeben würde für solche Klamotten. Weil Prêt-à-porter noch lange nicht bedeutet, dass jede das tragen kann, weil normale Menschen hier irgendwie igitt sind. Zwar steht auf der Einladungskarte mein handgeschriebener Name, ich bekleide eine gewisse Position, werde höflich behandelt. Aber wenn man nicht geboren ist in dieser Welt, als junge Frau eher auf Brokdorf-Demos, denn in Boutiquen abhing, fühlt man sich zwangsläufig deplatziert. Heritage matters. Ich suche und finde meinen Platz, setze mich auf  eben dieses Kissen, das für mich akkurat auf der weißen Bank, erste Reihe, liegt. Die Show beginnt, Models in langen strumpfähnlichen Stiefeln präsentieren die neuesten Entwürfe Lagerfelds. Die Kamelie, das kleine Schwarze, die Stickereien und immer wieder das weltumspannende CC-Logo laufen in unendlichen Kombinationen an mir vorbei. „Chanel-DNA“ nennen es Fachleute. Keiner habe sie so verinnerlicht wie der große Karl. Okay. Nach gut 20 Minuten ist der Zauber vorbei, alle kommen noch mal auf den Laufsteg, Lagerfeld auch, Freude, Applaus, Applaus. Ich sehe Sting, Patricia Riekel, Anna Wintour. Darf man das Kissen mitnehmen?, frage ich mich beim Aufstehen, und klemme es dann einfach unter den Arm. Ein bisschen Schaumstoff, drumherum Jute, bedruckt mit dem CC-Logo. Niedlich.

Seither hat sich vieles verändert. Die bunte Chefredakteurswelt hat mich in ein Leben entlassen, das  wieder mir gehört. Ich schreibe, mache das, womit ich vor vielen Jahren angefangen habe. Aktuell entsteht ein Buch, in dem auch dieses Kissen eine Rolle spielt.

Wie gesagt, es lag Jahre auf unserem Balkon, war immer wieder einen Lacher wert, wenn Freunde kamen („Trägt man jetzt Chanel auf dem Klappstuhl?“). Vor ein paar Wochen hat es der Hamburger Sturmwind davon getragen. Ich dachte, „Ah, ein Zeichen!“, vom Winde verweht und so. Aber vorgestern brachte es mir meine Tochter zurück. „Guck mal, Mama, das lag unten bei Frau M. im Garten!“ Es hat Regen abbekommen, Erde und Vogeldreck dazu. Als ich es aus der Waschmaschine hole, sieht es noch zerzauster aus. Ich bin froh, dass es wieder da ist! Ein kleines, wunderbar zerknautschtes Stück Vergangenheit.

Wem das nicht reicht, kann sich derzeit gleich in drei Ausstellungen die volle Ladung Chanel geben. In Hamburg: Mythos Chanel und Feuerbachs Musen – Lagerfelds Models – Hamburger Kunsthalle, in Essen: Karl Lagerfeld – Museum Folkwang. Wie und ob Kunst und Mode zusammen passen – darüber ein anderes Mal!

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