Ein Bild und seine Geschichte

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Es war nur ein Nebensatz, in dem der Kurator der Schweriner Galerie Alte & Neue Meister erwähnte, dass das Mädchen auf dem Bild von 1954 aus Schwerin kommt. Eigentlich sind wir gerade dabei, einen allgemeineren Kunst-Bericht für das neue Reisemagazin Edition D zu recherchieren. Aber vor dem Gemälde der einheimischen Künstlerin Vera Kopetz (1910 – 1998) bleiben wir irritiert stehen. Ein Mädchen mit afroamerikanischem Aussehen. 1954 in Mecklenburg-Vorpommern. Was wohl aus ihr geworden ist? Wir haben uns auf die Suche gemacht.

„Ja, Karin Glißmann, das bin ich!“, antwortet eine muntere Stimme am anderen Ende der Leitung. Dass wir Karin Glißmann, das Mädchen mit der Katze auf dem Arm, überhaupt gefunden haben, verdanken wir Ralf Kopetz-Zimmermann. Er ist der Adoptivsohn von Christoph Kopetz, einem der beiden Söhne der Künstlerin Vera Kopetz. Und er hat sich die Mühe gemacht, das umfangreiche Werk seiner Adoptiv-Großmutter zu digitalisieren und online zu stellen ( Vera Kopetz Malerin Grafikerin). Über seine Homepage nehmen wir Kontakt zu ihm auf, erfahren den Nachnamen von Karin und nach Rücksprache auch ihre Telefonnummer.

Ein dunkelhäutiges Mädchen in Mecklenburg-Vorpommern in den 1950ern – das ist schon eine Besonderheit. Karin Glißmann, 1946 in Osterode/Harz geboren, als kleines Mädchen mit Eltern und Bruder nach Schwerin gezogen, erinnert sich noch gut an ihre Kindheit: „Ich war die erste in Schwerin, die nicht ganz ,blond‘ war“, erzählt sie. Die 68-Jährige spricht von ihrem „Erzeuger“, wenn sie ihren leiblichen Vater erwähnt, den sie nie kennengelernt hat. Ihr Pflegevater kam aus Ostpreußen. Nachforschungen zu ihrer Herkunft wollte sie nie wirklich anstellen. „Vielleicht rausfinden, ob ich weitere Geschwister habe, das wäre interessant. Aber meine Eltern waren meine Eltern, ich hätte auch heute noch das Gefühl, sie zu verletzen.“

Karin Glißmann wird 1954 von der Künstlerin auf der Straße angesprochen. Die Schülerin spielte mit ihrer Freundin Marianne, mit der sie später auch zu Vera Kopetz ins Atelier kam. Erst waren sie zu zweit, dann saß Karin allein Modell, „aber den Namen der Katze weiß ich nicht mehr“. Die 54-Jährige Vera Kopetz erschien der damals achtjährigen Karin alt und gebrechlich, „Ich war ja eine kleine Schülerin, Frau Kopetz war dunkel gekleidet, hatte eine Gehhilfe.“

Die Schulzeit verging, Karin war sportlich, eine gute Turnerin, nahm in den 1960ern an internationalen Turnfesten teil. Nach dem Abitur machte sie eine Ausbildung zur Finanzkauffrau in Gotha. Sie heiratete, bekam drei Kinder.  Später nach der Wende war sie bis zur Rente bei der Agentur für Arbeit angestellt. Langeweile kennt sie nicht: „Wenn Bedarf ist, versuche ich den Kindern in einer Grundschule das Turn-ABC beizubringen und arbeite im Landesturnverband im Bereich ,Fitness, Gesundheit, Tanz‘ ehrenamtlich mit.“

Ein ganz normales Leben in Mecklenburg-Vorpommern. Nur, dass sie nicht ganz „blond“ ist und im Museum ein Bild von ihr hängt: „Karin mit Katze“ von Vera Kopetz. Und darauf ist sie, bei aller Bescheidenheit, doch ein bisschen stolz.

1 Kommentar

Comments

  1. Greta Silver says:
    was für eine zauberhafte Idee, diesem Mädchen auf dem Bild nach zu gehen. Hab mich gerne von der Geschichte an die Hand nehmen lassen...... Herzlichst Greta Silver

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