Eva Hesse in der Galerie der Gegenwart, Hamburg

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Eva Hesse entdecken. Ich wusste wenig über diese amerikanische Künstlerin, außer, dass sie früh gestorben ist und der ehemalige Stern-Chefredakteur Michael Jürgs eine Biografie über sie geschrieben hat. Die empfehle ich hier nur deshalb, weil die deutschsprachige Rezeption sonst nicht viel her gibt. Eva Hesses Spätwerk wird vom 29. November bis 2. März 2014 in der Galerie der Gegenwart in Hamburg gezeigt – gemeinsam mit dem einer zweiten großen Entdeckung: „Gego“, eigentlich Gertrud Louise Goldschmidt, einer der wichtigsten Künstlerinnen Venezuelas. Beide geboren in Hamburg, beide geflohen vor den Nazis – jede mit einer eigenen dramatischen Lebensgeschichte, obwohl letztere mehr Zeit hatte, ihr Leben zum Guten zu wenden.

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Da ist sie also, die Jüdin Eva Hesse, auf die Welt gekommen 1936 im „Israelitischen Krankenhaus Hamburg“ (man reibt sich die Augen, wenn man liest, dass es in der ehemaligen Heinestraße liegt, benannt nach einem jüdischen Bankier, und dass es bis heute nicht gelungen ist, die Nazi-Umtaufung  von 1938 in „Hamburger Berg“ wieder zurück zu nehmen). Die Familie wohnt in der Isestraße 98. Da, wo jetzt das Hotel Smolka Zimmer vermietet. Eva, die gemeinsam mit ihrer Schwester Helen 1938 erst nach Holland, dann über England nach New York „geflohen wird“, anders kann man das bei einer Drei- und Fünfjährigen wohl nicht bezeichnen. Und erst dort treffen die Mädchen wieder auf ihre Eltern. Eine manisch-depressive Mutter, die sich nach der Trennung von ihrem Mann 1946 aus dem 18. Stock stürzt, keine weiteren Verwandten mehr, denn die wurden allesamt in deutschen Konzentrationslagern umgebracht. Was bleibt, ist der Vater, auf den Eva fixiert ist, wie sie selbst später sagt, und weshalb das mit den Männern und ihr später nicht sonderlich gut klappt. Mit ihrer Schwester streitet sie viel, und sagt über sich „Entweder bin ich einen Kakerlake oder eine Königin“, und „Ich glaube, meine Familie ist ähnlich die der Kennedys. Wir sind nicht so reich, aber auch bei uns war immer alles sehr extrem“.

Als sie 18 ist, erscheint ein erster Artikel über sie in „Seventeen“, einem Magazin für junge Frauen, und ihr Weg als Künstlerin beginnt. Voller Ups and Downs, geprägt von Zweifel und künstlerischer Sicherheit gleichermaßen, ihr Leben bestimmt von, wie sie selbst sagt „großer Verlustangst“ – wen wundert’s?

Eva Hesses künstlerische Anfänge sind, wie ich es begreife, ein vorsichtiges Tasten. Wo stehe ich, wohin gehe ich? Sie lernt, unter anderem beim großen Josef Albers, malt, aquarelliert, weil das gerade angesagt ist, eingebettet in eine künstlerische Machowelt, die mehr auf ihren Busen, denn auf ihre Bilder starrt. Und doch sind da immer wieder Freunde wie beispielsweise Sol LeWitt, der sie stützt und stärkt: „Don’t worry about cool, make your own uncool“.

Absurderweise beginnt ihr Weg zur Skulptur in Deutschland, genauer gesagt in Kettwig an der Ruhr, wohin ihr damaliger Mann Tom Doyle, ebenfalls Künstler, von einer Fabrikantenfamilie 1964/65 eingeladen wird. Sie arbeitet mit Seilen und Kabeln, die sie in der leeren Fabrikhalle findet. Zurück in New York erweitert sie ihr Handwerkszeug um Latex, Fiberglas, Glasfaser – Materialien, die ihre letzte Schaffensphase prägen.

Und was sie da gegen Ende ihres kurzen Lebens mit 33, 34 in die Welt bringt, ist unglaublich schön und fragil und von unschätzbarer Welthaltigkeit. Sans II (siehe Titelbild) gilt als eines ihrer Schlüsselwerke, so  poetisch, voller Rhythmus, seriell und großer Erinnerungsdichte. Man muss es in echt sehen!

Foto 2Oder „Right After“ (zu fragil für einen Transport, deshalb nicht in der Hamburger Ausstellung), eine schwebende, hängende Konstruktion aus harzbeschichteter Glasfaser, die gleichermaßen dicht, durchsichtig, beschützend, unendlich wie begrenzt, scheinbar chaotisch und doch komplett kontrolliert den Raum erfüllt. Mit Leben, mit Vergänglichkeit, und für mich mit der Aussage „I am here“. Im Mai 1970 stirbt Eva Hesse. 34 Jahre alt. Gehirntumor.

Brigitte Kölle, Leiterin der Hamburger Galerie der Gegenwart macht  einen tollen Job. Erst die geniale Ausstellung  über Louise Bourgeois 2012, jetzt Eva Hesse und Gego (zu ihr folgt ein Beitrag in Kürze). Nicht verpassen!

Gego – Eva Hesse – Hamburger Kunsthalle

 

 

1 Kommentar

Comments

  1. Matthias Taube says:
    Zum Glück wurde Eva Hesse auch in der gerade aktuellen und äußerst gelungenen Ausstellung "Kunst & Textil" im Kunstmuseum Wolfsburg berücksichtigt.

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