Fidelio in Hamburg? To be continued…

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Die Premiere an der Staatsoper Hamburg ist zwar schon fast eine Woche her, aber eher ging’s nicht – und Interessierte konnten so schon die ganzen Verrisse lesen. Womit ich mich schwer tue, denn „Fidelio“ ist eine meiner absoluten Lieblingsopern! Endlich mal eine Titelheldin, die nicht stirbt, anders als Mimi in „La Boheme“, Violetta in „La Traviata“, Desdemona in „Otello“ Lulu bei Alban Bergs gleichnamiger Oper, ach, es gibt ganze Abhandlungen darüber, wie in Opern (und nicht nur da) Frauen siechen, gemeuchelt, vergiftet werden. Jung, schön, weg. Bei Beethoven steht eine starke Frau im Zentrum, als Mann verkleidet, auf der Suche nach ihrem Gatten Florestan, der durch seinen Kampf für eine nicht näher definierte Freiheit in den Kerker wanderte. Eingeschlossen auf das Geheiß seines Widersachers Don Pizarro, verwahrt vom Kerkermeister Rocco, der Fidelio (Leonore) gleich mit seiner Tochter Marzelline verbandeln will. Doof für Wärter Joaquino, der sich schon das Leben mit Marzelline ausgemalt hat. Am Ende rettet Leonore ihren Gatten vor dem Tod. Jubel, Gattenliebe, weg mit dem Despoten (bis zum Nächsten). Einfache, gute Geschichte, ein genialer Mix aus Nummernoper, Schauspiel, Revoluzzer-Epos, hochdramatischen Gefühlslagen. Und sehr nah dran an der Gegenwart.

Ludwig van Beethoven Fidelio Musikalische Leitung: Kent Nagano Inszenierung: Georges Delnon Bühne: Kaspar Zwimpfer Kostüme: Lydia Kirchleitner Licht: Michael Bauer Video: fettFilm Dramaturgie: Klaus-­Peter Kehr, Johannes Blum Rocco, Falk Struckmann Copyright by Arno Declair arno@iworld.de Birkenstr.13b 10559 Berlin +49 (0)172 400 85 84 Konto 600065 208 Blz 20010020 Postbank Hamburg IBAN/BIC: DE70 2001 0020 0600 0652 08 / PBNKDEFF Veröffentlichung honorarpflichtig! Mehrwertsteuerpflichtig 7% USt-ID DE 273950403 St.Nr. 34/257/00024 FA Berlin Mitte/Tiergarten

Rocco, Falk Struckmann
Copyright by Arno Declair

Ludwig van Beethoven Fidelio Musikalische Leitung: Kent Nagano Inszenierung: Georges Delnon Bühne: Kaspar Zwimpfer Kostüme: Lydia Kirchleitner Licht: Michael Bauer Video: fettFilm Dramaturgie: Klaus-­Peter Kehr, Johannes Blum Leonore, Simone Schneider Jaquino, Thomas Ebenstein Rocco, Falk Struckmann Marzelline, Mélissa Petit Copyright by Arno Declair arno@iworld.de Birkenstr.13b 10559 Berlin +49 (0)172 400 85 84 Konto 600065 208 Blz 20010020 Postbank Hamburg IBAN/BIC: DE70 2001 0020 0600 0652 08 / PBNKDEFF Veröffentlichung honorarpflichtig! Mehrwertsteuerpflichtig 7% USt-ID DE 273950403 St.Nr. 34/257/00024 FA Berlin Mitte/Tiergarten

Leonore, Simone Schneider
Jaquino, Thomas Ebenstein
Rocco, Falk Struckmann
Marzelline, Mélissa Petit
Copyright by Arno Declair

Die Ouvertüre, hier die seltener gespielte 3. Version, haut den stärksten Charakter aus den Schuhen (was auch immer andere über Kent Naganos Dirigat sagen, da geht echtes Kopfkino an). Und es wird einmal mehr deutlich, was Beethovens Musik wirklich kann: widersprüchliche Gefühle hörbar machen, gesellschaftliche Konflikte musikalisch auf den Punkt bringen, den ganzen menschlichen Irrsinn von Liebe, Aggressionen, Hoffnung, Sehnsucht, Vergeblichkeit, Hingabe, Unversöhnlichkeit, Verzweiflung, Aufbäumen gegen Ungerechtigkeit, ach eben alles in wenigen Minuten tief ins Herz treiben. Mit diesem musikalischen Reset öffnet sich dem Twitter-, Facebook-, Secondscreen-geprägtem Kurzzeit-Zuschauer (okay, bei der Premiere sind das nicht gerade viele) Blick und Herz für eine mehr als 200 Jahre altes Stück Musiktheater, in dem verhandelt wird, was heute nicht aktueller sein könnte: Die Frage von Courage in schwierigen Zeiten. Freiheit, die wir meinen, Mut, gegen den Strom zu schwimmen. Und sei es, dafür sein Leben zu riskieren.

Ludwig van Beethoven Fidelio Musikalische Leitung: Kent Nagano Inszenierung: Georges Delnon Bühne: Kaspar Zwimpfer Kostüme: Lydia Kirchleitner Licht: Michael Bauer Video: fettFilm Dramaturgie: Klaus-­Peter Kehr, Johannes Blum Florestan, Christopher Ventris Copyright by Arno Declair arno@iworld.de Birkenstr.13b 10559 Berlin +49 (0)172 400 85 84 Konto 600065 208 Blz 20010020 Postbank Hamburg IBAN/BIC: DE70 2001 0020 0600 0652 08 / PBNKDEFF Veröffentlichung honorarpflichtig! Mehrwertsteuerpflichtig 7% USt-ID DE 273950403 St.Nr. 34/257/00024 FA Berlin Mitte/Tiergarten

Florestan, Christopher Ventris
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Regisseur  Georges Delnon bemüht ein ganzes Arsenal von Zitaten aus Gegenwart und miefiger 1070er DDR-Vergangenheit, um eine gewisse emotionale Enge zu erzeugen. Folter-Opfer wie aus Abu-Ghuraib, KZ-Betten, Aktenberge werden in das riesige wie ebenso spießige brutalistische Wohnzimmer geschoben, ein Schäferhund bellt draußen vor der Tür, ein Volksempfänger plärrt, Marzelline spielt artig Klavier (nett: „Für Elise“) und wird – #metoo lässt grüßen – bedrängt und begrapscht. Der deutsche Wald, mal weit, mal nah durch die breite Fensterfront zu sehen, mal mit Reh, mal mit Wolf (effektvoll, aber doch ein bisschen platt in der Symbolik). Mittendrin eine Leonore, die alles gibt, aber leider nicht einlöst, was Roccos Tochter so schön bekennt: „Doch dann trat Fidelio in meine Leben. Und seitdem ist alles in mir und um mich verändert.“ Der Sopranistin Simone Schneider hätte man einfach mehr Wahrhaftigkeit gewünscht – und das gilt – ausgenommen Rocco, in Teilen Marzelline und die beiden Solisten des Gefangenenchors – für den Rest der Darsteller. Was ist da los? Warum sind alle so angestrengt? Hilflos? Finden nicht ins Spiel? „Wichtig ist, dass ein Regisseur das Stück ernst nimmt. Wenn jemand ein Stück blöd findet, soll er die Finger davon lassen. Du musst an die Qualität des Stoffes und der Musik glauben.“ formulierte Georges Delnon zu Beginn seiner ersten Spielzeit vor drei Jahren. Wo ist ihm das abhanden gekommen? Hat er den Stoff vielleicht zu ernst genommen? Sich von den unzähligen Interpretationen irritieren lassen? Wenn er sagt, diese Oper sei nicht inszenierbar – wollte er das beweisen? Schwierig leider auch die Rolle des Florestan. Der ausgehungerte Mann liegt im zweiten Aufzug wie ein Bär in der Badewanne, sein „Gott, welch Dunkel hier“ bei gleißendem Neonlicht? Nein, das sollte man nicht machen. „Der Tod des Marat“ ist aus unverständlichen Gründen zitiert, dazu müsste man noch mal den Dramaturgen fragen. Der zweite Teil ist insgesamt schwächer als der erste, hier stimmen weder Personen-Regie noch Sound. Rocco und Fidelio mäandern im Kerker herum, Don Pizarro wirkt nicht gerade lebensgefährlich. Und wenn nach Leonores Aufschrei  „Töt‘ erst sein Weib!“ alsbald der Chor in sektenweißen Einheitsgewändern die Gattenliebe bejubelt – da geht der Rest von Beethovens möglichem Real-Utopismus baden.

Ludwig van Beethoven Fidelio Musikalische Leitung: Kent Nagano Inszenierung: Georges Delnon Bühne: Kaspar Zwimpfer Kostüme: Lydia Kirchleitner Licht: Michael Bauer Video: fettFilm Dramaturgie: Klaus-­Peter Kehr, Johannes Blum Don Fernando, Kartal Karagedik Jaquino, Thomas Ebenstein Florestan, Christopher Ventris Leonore, Simone Schneider Rocco, Falk Struckmann Don Pizarro, Werner Van Mechelen Marzelline, Mélissa Petit Chor Copyright by Arno Declair arno@iworld.de Birkenstr.13b 10559 Berlin +49 (0)172 400 85 84 Konto 600065 208 Blz 20010020 Postbank Hamburg IBAN/BIC: DE70 2001 0020 0600 0652 08 / PBNKDEFF Veröffentlichung honorarpflichtig! Mehrwertsteuerpflichtig 7% USt-ID DE 273950403 St.Nr. 34/257/00024 FA Berlin Mitte/Tiergarten

Don Fernando, Kartal Karagedik
Jaquino, Thomas Ebenstein
Florestan, Christopher Ventris
Leonore, Simone Schneider
Rocco, Falk Struckmann
Don Pizarro, Werner Van Mechelen
Marzelline, Mélissa Petit
Chor Copyright by Arno Declair

Was tun? Noch all die anderen Verrisse lesen und sich weiter empören? Langweilig. Ich empfehle: Trotzdem rein gehen – und hoffen! Denn das ist das Tolle an lebendigem Musiktheater: Man kann immer weiter dran arbeiten. Marzelline weniger albern agieren lassen, Florestan in Sachen Badewanne und Beleuchtung überdenken (was die ganze Szene einfacher machte), Joaquino den Blick zum Dirigenten austreiben, den Sängern und Sängerinnen mehr Interaktion ermöglichen, weniger auf Frontalbespielung setzen. Stück für Stück könnte das ganze Teil noch rund werden. Denn im Ansatz ist das Setting gut: Rocco, der Mann mit den Sachzwängen, ist ebenso eine zentrale Figur wie Heldin Fidelio, nur dass von seinem Zagen, seinem Egoismus und Mitläufertum etwas in uns allen steckt.

 

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