Ich möchte mein Vater sein

gurlitt

Ach, was soll’s – Jonathan Meese kann auch nicht besser zeichnen. Und während der Stift ein bisschen macht, was er will, kommen Assoziationen. Kornelius Gurlitt, Kaspar Hauser. „A söchtener Reuter möcht i wern, wie mein Voater gwen is“ hat Hauser gesagt. Und das Kind Kornelius Gurlitt war ebenso verloren.

FotoWie fühlt sich ein 80jähriger Kornelius Gurlitt in diesen Zeiten? Einer, der niemals eine Familie gegründet, noch je einen stinknormalen Job angenommen hat? Der mit seinen Bildern wie in einer stummen Großfamilie lebte. Wie Alberich, der in Schwabing auf den Nibelungenschatz seines Vaters aufpassen musste all die Jahrzehnte? Ich würde ihn so gern fragen. Das hat im  Spiegel Özlem Gezer getan. Himmel, Freud hätte gern nachgehakt.
Den Namen Gurlitt kenne ich noch noch aus Studienzeiten. Gurlittstraße, Hamburg St. Georg, benannt nach dem Philologen Johann Gottfried Gurlitt (1754-1827). Mehr noch verbinde ich mit dem Namen den Komponisten Manfred Gurlitt, dessen Oper „Woyzeck“ 1925 in Bremen uraufgeführt wurde, und die dann für lange Zeit in Vergessenheit geriet. Eine Oper, die einem die Schuhe auszieht, weil sie musikalisch und szenisch die Vereinzelung und Verödung eines Menschen auf den Punkt bringt.
Der Komponist Manfred Gurlitt (Foto) war ein Neutöner in seiner Zeit, Generalmusikdirketor in Bremen und allein die Wahl des Sujets spricht Bände. Doch auch er ging den Versprechen und Verbrechen der Nazis auf eine vermeintlich neue Zeit auf den Leim. 1933 trat er der NSDAP bei, wurde allerdings 1937, aufgrund (vermeintlich) jüdischer Herkunft aus der Partei ausgeschlossen.  Wenn ich es richtig recherchiert habe, waren Hildebrand Gurlitt, der entlassene Kunstdirektor und Manfred, der entlassene Komponist, Cousins. Manfred ging nach Tokio, wo er in den 70ern starb, Hildebrand arrangierte sich mit den Nazis, blieb nach 1945 Bildschirmfoto 2013-11-20 um 22.36.44in Deutschland und verunglückte 1956 tödlich bei einem Autounfall. Vermutlich haben sich Helmut Dietl, Ulrich Tuckur und wer auch immer schon die Filmrechte gesichert. Mir bleibt vorerst nur ein Resümee: There is a lot of grey between white and black. Ich, Enkelin einersteits strammer Nazi-Mitläufer, andererseits überzeugter Sozialdemokraten, die niemals den Arm gereckt haben, spüre seit ich fühlen kann, die Fronten. Nur, dass diese Fronten damals viel weicher verliefen. Da gab es in der Not, im Alltag offenbar ein Hin- und Hergespringe zwischen Ideologien. Mitgliedschaften, die so nicht gemeint waren, Leidenschaften, die Menschen verleiteten. Bekanntschaften zwischen Tätern und Opfern, die nicht in Gut und Böse zu teilen sind.
Dass am Ende eines traurigen Gurlitt-Lebens etwas ans Licht kommt, das Wellen schlägt, die dann um die Welt gehen – irgendwie beruhigend. Wie eine alte Freundin von mir immer sagte: „Deinem Schicksal entkommst Du nicht“, ach was, sie ist Grazerin und sagte „Seim Schicksal kimmt ma net aussi“ – die Ösis eben.

 

 

 

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