Nackte Tatsachen

Paula Modersohn-Becker_Selbstbildnis am 6 Hochzeitstag

 

 

Es ist derzeit sehr viel die Rede von Gurlitt, Raub- und entarteter Kunst. Wem gehört was, wer kriegt was zurück. Ein spektakulärer Fund, eine groteske Form von Geschichtsbewältigung. Die Werke spielen inhaltlich folglich nur eine Gastrolle – vorerst. Da kommt eine kleine, hervorragend kuratierte Ausstellung in der Bremer Böttcherstraße gerade recht.
„Sie. Selbst. Nackt. Paula Becker-Modersohn und andere Künstlerinnen im Selbstakt.“
Xenia Hausner, Nachher, 1994Bremen ist immer eine Reise wert, die Kunsthalle, die Menschen, diese wunderbare „mittelgroße Stadt“-Atmosphäre tut einfach gut. Die Ausstellung hat es mir angetan, weil sie nicht die Frage stellt, ob Frauen Kunst können (ich denke immer noch an den blöden Ausspruch von Baselitz im Spiegel), oder wo sie im Kunstmarkt stehen.

Sie widmet sich ganz schlicht den Intentionen von Künstlerinnen, ihren Fragen an sich und die Welt, und wie sie sich selbst sehen. Kein Männerblick dazwischen, kein, „Oh, gefall ich den anderen Blick“, keine fremdbestimmte, keine narzistische Schau. Es ist viel mehr die universelle Frage: Wer bin ich, hier und jetzt, nackt? Da ist der selbstbewusste Augenaufschlag von Paula Becker-Modersohn am 6. Hochzeitstag, der vermutlich erste Selbstakt einer Frau von 1906, das fulminante Gemälde von Xenia Hausner „Nachher“ von 1994, die uns voller Farbe und mit leuchtend rotem Gesicht nach getaner Schöpfung anblickt. Da spiegelt sich die essgestörte Künstlerin Rachel Lewis in ihrer traurigen Collage  „Bin ich noch eine Frau?“ – was sich  so viele Frauen fragen. Und die geniale Performance von Yoko Ono beleuchtet einmal mehr die Fragilität von Frausein in einer von Männern dominierten Welt (▶ Yoko Ono – Cut Piece (1965) – YouTube). Gern habe ich die Männer in dieser Ausstellung beobachtet. Fragend, nachdenklich, irritiert stapften sie durch die Räume. Ich hätte sie ansprechen, fragen sollen nach ihren Gedanken.

Rachel Lewis, Bin ich noch eine Frau, 1990Die Bremer Ausstellung macht froh und nachdenklich, weil sie einen ganz eigenen Blick von kunstschaffenden Frauen auf sich selbst  frei gibt. Schonungslos, ehrlich und kraftvoll – und ganz weit weg von dem Komsumgut nackte Frau. Nicht verpassen!

Sie. Selbst. Nackt. » Museen Böttcherstraße

(Abb.: 1. Paula Modersohn-Becker Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag, 25. Mai 1906, Museen Böttcherstraße, Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen; 2. Xenia Hausner Nachher, 1994, Sammlung Dr. Fuchs, Wien © VG Bild-Kunst, Bonn 2013; 3. Rachel Lewis Bin ich noch eine Frau?, 1990, Nicholas Treadwell Gallery Aigen, Österreich)

 

 

 

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