Sternstunden in der Hamburger Staatsoper

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So richtig wegweisend zeigte sich die Handschrift des neuen Staatsopern-Duos Delnon/Nagano zuletzt nicht. Die „Zauberflöte“ zum Saisonstart erhellte mehr durch die vielen LED-Lampen denn die Inszenierung von Jette Steckel. Aber jetzt das: Béla Bartóks einzige Oper „Herzog Blaubarts Burg“ und die vom ungarischen Komponisten Péter Eötvös vorweg komponierte Oper „Senza Sangue“ („Ohne Blut“) zeigen in knapp zwei Stunden, wie und was modernes Musiktheater sein kann: aktuell, packend, musikalisch und schauspielerisch auf höchstem Niveau, emotional und konzeptionell so dicht, dass man es kaum aushält.

Senza Sangue: Eine Geschichte vom Krieg in uns

„Senza Sangue“ basiert auf dem gleichnamigen Roman des italienischen Journalisten und Schriftstellers Alessandro Barrico von 2002: Im ersten Teil (nicht komponiert) rächen sich drei Rebellen an einem ehemaligen Kriegsverbrecher. Sie brechen in sein Haus ein, ermorden Vater und Sohn. Tito, einer der drei Rebellen, soll das Haus nach der kleinen Tochter durchsuchen, findet die verängstigte Nina im Keller hinter einer Luke versteckt, beider Blicke treffen sich und er bringt es nicht über das Herz, dieses Mädchen zu ermorden. Jahrzehnte später (hier beginnt die Oper Péter Eötvös) begegnen sich die nun ältere Frau Nina und der alte Tito wieder. Er steht als Losverkäufer auf der Straße, sie hat offensichtlich nach ihm gesucht, lädt ihn auf ein Getränk ein. Eine Szene wie aus einem Edward Hopper-Gemälde: Einsam sitzen sich die beiden Schicksalsverbundenen im Café der kargen Bühne gegenüber, bewegen sich Passanten in Zeitlupe zur psychologisch vielschichtigen Musik von Eötvös. Eine Ampel springt von Rot auf Grün. Beengende Weite beherrscht den Raum. Was will Nina von Tito? Späte Rache? Will sie ihm danken? Vergeben? Auf jeden Fall eine Lösung „ohne Blut“. In den sieben Szenen der Oper verhandeln Mann und Frau musikalisch und sprachlich, was Krieg bedeutet und auslöst, was Menschen zu Mördern macht und dass es im Krieg kein Richtig gibt. Es kommt zu Anschuldigungen und Erklärungsversuchen. Angela Denoke und Sergei Leiferkus spielen und singen diesen Prozess bis ins kleinste Detail überzeugend und dicht. Zwei Menschen, deren komplettes Leben durch diesen einen gemeinsamen Moment vor vielen Jahren unausweichlich geprägt ist. In der letzten Szene von „Senza Sangue“ geschieht, was psychologisch gar nicht so abwegig ist: Nina fragt ihren Retter, der gleichzeitig Täter war, ob er mit ihr ins nächste Hotel geht, um mit ihr zu schlafen. Hier endet die erste und beginnt nahtlos die hundert Jahre ältere Oper „Herzog Blaubarts Burg“ von Bartok.

Blaubart: Paartherapie ohne Therapeut

In der Märchenvorlage zu Béla Bartóks Oper geht es um Herzog Blaubart, der alle seine Frauen auf brutale Art und Weise ermordete und nun auf Judith trifft, die ihn wirklich liebt. Sie will die Schlüssel zu den blaubart_189blaubart_188sieben Türen der düsteren Räume der Burg, um buchstäblich Licht ins Dunkel dieses Mannes zu bringen. Am Ende entdeckt sie die Leichen ihrer Vorgängerinnen. Bartóks bedrückender Einakter ist ein einziger symbolistischer Rausch. Die Türen, das Dunkel, das Licht, das finstere Verborgene –  ein Ringen zwischen den Geschlechtern mit allen Abgründen, die dazu gehören.

Der große Wurf, die geballte Stärke des ganzen Abends basiert auf der Idee,  „Blaubart“ in jenes Hotelzimmer zu verlegen, in dem Nina und Tito miteinander schlafen. Was passiert danach? Wie endet die Begegnung dieses Paares? „Wenn man nicht weiter weiß, und die Erfahrungen zu schmerzhaft werden, kann es helfen, in ein Rollenspiel zu schlüpfen um sich die eigenen Probleme mit mehr Distanz anzusehen“, so hatte es sinngemäß der Dramaturg Johannes Blum in der Einführung erklärt. In „Blaubart“ schlüpfen Tito und Nina aus „Senza Sangue“ in die Rollen Blaubart und Judith.

Bálint Szabó (Blaubart) und Claudia Mahnke (Judith) spielen diesen quasi zweiten Akt auf engstem Raum, denn Regisseur und Bühnenbildner Dmitri Tcherniakov hat eine Hotelschachtel entworfen, aus der es kein Entkommen gibt. (Mal abgesehen davon, dass es schon nervig ist, dass immer die Frauen in Männerseelen rum suchen müssen und sich die Kerle winden und zieren) Blaubart ist eine Paartherapie ohne Therapeuten. Die sieben Türen in die kaputte Seele und Psyche von Tito/Blaubart werden eine nach der anderen von Nina/Judith aufgestoßen. Bartoks Musik macht die dramatischen Gefühlsregungen beider Protagonisten mehr als hörbar – da entsteht echtes Kopfkino. Ein Kampf, der auf merkwürdige Art an Richard Burton und Elisabeth Taylor in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ erinnert, so heftig geht sich dieses Paar an die Wäsche. Am Ende kriechen beide erschöpft und vereint aufs Bett. Hier schlägt eine Sternstunde des Musiktheaters.

blaubart_196Im Rausgehen habe ich selten so viele Besucher über einen Opernabend reden und diskutieren hören. Aufgerieben, angeregt, bewegt, begeistert. So soll es sein. Mehr Info, Termine und Tickets: staatsoper-hamburg.de (Fotos: Monika Ritterhaus)

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