Was Menschen so machen…

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Okay, unter dem Motto „Was Menschen so machen“ kann theoretisch alles Mögliche stehen. Die eskalierende Gewalt in der Hamburger Schanze, Abhörskandale, Limburger Käse, sonst was. Aber gerade heute dachte ich darüber nach, was Menschen ohne Allmachtsfantasien, ohne Gewalt, aber mit viel Empathie und Engagement so machen.

Im Theater Bremen führten letzten Sonntag knapp hundert Menschen zwischen 7 und 72 Jahren das Tanztheaterprojekt „Perspektiven“ auf. IMG_1809Wochenlang haben sie – allesamt Laien – ihre Körper trainiert, Formationen geprobt, Ausdrucksformen mit dem Choreografen Wilfried van Poppel entwickelt. Und wer „Rhythm is it!“ gesehen hat, weiß ungefähr, worum es geht. (der Film dokumentiert die Proben zu Igor Strawinskys Ballett „Le Sacre Du Printemps“, aufgeführt von Berliner Schülern, die noch nie vorher eine Bühne gesehen haben). Die Bremer Choreografie „Perspektiven“ nähert sich tänzerisch dem Thema Kinderversklavung. „Wir spielen und tanzen für diejenigen, die beides nicht dürfen und auch für jene, die sich immer wieder unermüdlich gegen die Ausbeutung von Kindern einsetzen“, erklärten zu Beginn die Initiatoren und riefen zu Spenden auf. Was dann auf der Bühne passierte, war atemraubend. Jungs und Mädchen jeden Alters und Erwachsene in den besten Jahren tanzten was das Zeug hielt, mal wild herumspringend, mal elegisch, als riesiges Ensemble, kleinere Gruppe oder im Pas de Deux. Abstrahierte Arbeits- und Maschinenbewegungen, Figuren, die körperlich erfahrbar machten, was Unfreiheit, Ausbeutung und Einsamkeit bedeuten. Zum Schluss lang anhaltender Applaus – und die Frage: Warum findet diese Aufführung vor ausverkauftem Haus nur ein einziges Mal statt? (Leider habe ich dazu noch keine Pressefotos, deshalb hier ein Link zu „De Loopers“, den Machern des Projekts: http://de-loopers.eu/wordpress/).
Gleich um die Ecke des Theaters in der Bremer Kunsthalle: der letzte Tag der Ausstellung „Lass Dich von der Natur anwehen“, Landschaftszeichnungen der Romantik und Gegenwart. Den Schwerpunkt bilden

Alte Eichen mit sitzendem Mann, 1830-38 G.H. Crola

Alte Eichen mit sitzendem Mann, 1830-38 G.H. Crola

Zeichnungen aus der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts. Bis ins kleinste Detail gezeichnete Bäume, Ruinen, Landschaften, Berge, Felsen, Farne. Gegenentwürfe zur beginnenden Industrialisierung und Spiegel der Seele gleichermaßen. Im Dialog dazu zeigt die  Kunsthalle Arbeiten von sieben zeitgenössischen Künstlern.

Schlicht, aber anrührend: Die Blatt-Studien in Aquarell von Manfred Holtfrerich.

Blatt (143) Manfred Holtfrerich, Foto: Katalog

Blatt (143) Manfred Holtfrerich, Foto: Katalog

Eine schöne Antwort auf das Fragmentarische der Romantik: Bettina Blohms Zeichnungen.

Bretagne 2012. Bettina Blohm

Bretagne 2012. Bettina Blohm

Natur, nun, eigentlich gar nicht so mein Ding. Der ganze Blätterkram, all das naturalistische Zeugs. Aber: angesichts der Totalentfremdungen unserer Tage wirkt der gezeichnete Wildwuchs wie ein hochaktueller Kommentar. Wann habe ich zuletzt eine Pflanze betrachtet? Eine Rinde? Oder meine  Blick länger als 30 Sekunden auf den Mikrokosmos eines einzelnen Blattes gerichtet? Jaja, ich weiß, zurück zur Natur – das klingt alles schwer reaktionär und demnächst schreibe ich wieder mit Tinte und verschicke Briefe. Aber das meine ich nicht. Was Menschen so tun, egal, ob sie wochenlang für eine einzige Aufführung und einen wirklich guten Zweck proben, oder ob sie stundenlang einen Baum zeichnen, der 200 Jahre später in der Bremer Kunsthalle hängt. Es hat etwas Beruhigendes. Denn während sie das tun, verzapfen sie weder skrupellose Geschäfte, noch schlagen sie sich die Köpfe ein. Sie zeichnen, sie tanzen.

Bildschirmfoto 2014-01-15 um 17.06.28Heute morgen kam ich vom Bäcker, bei dem neben Brot und Brötchen immer alles Mögliche herum liegt, unter anderem das aktuelle Programm der Hamburger Kunsthalle. Darin im Angebot: Der „Paul-Klee-Shopper“. Och, nö, denke ich, bescheuertes Merchandising, bis ich den Text dazu lese: Die Taschen wurden aus dem Werbebanner (Foto) für die Klee-Ausstellung letztes Jahr gefertigt museumsshop@freunde-der-kunsthalle.de. 40 Stück á 16,90 Euro. Eine kleine, aber wirklich gute Idee. Was Menschen so machen…

PS: Wie gesagt, die Bremer Ausstellung ist zu Ende, wandert aber im Herbst 2014 nach Süddeutschland Städtische Galerie – Stadt Bietigheim-Bissingen, ausserdem empfehle ich gern den Katalog (www.kerberverlag.com).

1 Kommentar

Comments

  1. Matthias Taube says:
    Guter Beitrag. Danke! Und für alle Hamburger, die Bietigheim nicht schaffen: Jeden Tag, außer Montag, gibts Weltklasse-Landschaft in der Hamburger Kunsthalle: Der Caspar David Friedrich-Saal. Bis 18 im übrigen UMSONST. Und noch was zur Empfehlung: Eine wirklich gute Video-Landschaftsausstellung: http://www.kultur-port.de/index.php/kunst-kultur-blog/kunst-kultur-bildende-kunst/8382-my-landscape-is-your-landscape-internationale-videokunst-zum-thema-landschaft.html

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